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Ein Herz für Tiere

Ein Beitrag von Heinz Förster

Erlebnisse mit Greifvögeln

Wie alles begann, der Anfang einer Wildvogelauffangstation...

An einem Tag im August 1988 ging ich am Vormittag in den Garten. Tags zuvor hatte es in Strömen gegossen und alles war noch pitschnass. Die Vögel waren in heller Aufregung. Irgendetwas stimmte nicht. Nach kurzem Suchen fand ich unter einem Johannisbeerstrauch einen jungen Mäusebussard, welcher die Ursache für das Gezeter war. Als ich mich ihm nähern wollte, versuchte er auszureißen. Wie sich herausstellte konnte er nicht fliegen und versuchte es daher zu Fuß. Weit kam er nicht. Ich fing ihn ein und stellte fest, dass seine Flügel arg gestutzt waren. Krallen und Schnabel funktionierten dafür umso besser. Auch an Reaktionsschnelligkeit hatte er nichts eingebüßt, was sich am Aussehen meiner Hände leicht feststellen ließ. Alles in Allem sah er ziemlich erbarmungswürdig aus. Er war nass, zerzaust und blutete aus den Federkielresten, die ihm noch geblieben waren. Die große Wiese hinter unserem Garten war gerade erst gemäht worden. Vermutlich war er in das Mähwerk geraten, das ihm auf beiden Seiten die langen Federn der Flügel bis auf etwa 3-5 cm an den Knochen heran gestutzt hat. Glücklicherweise hatte der Vogel außer seinen Schwungfedern nichts eingebüßt und war unverletzt geblieben.

Was war nun zu tun? Zunächst steckte ich den Bussard in eine Kiste. Dann wurde in aller Eile der Hühnerauslauf, welcher auch nach oben hin mit Maschendraht bespannt war, durch eine Trennwand abgeteilt. Drei Sitzkrücken, die eigentlich „Stehkrücken“ heißen sollten (ein Vogel sitzt nicht), wurden aufgestellt und „Cora“, so hieß das Tier (sagte meine Frau), konnte das neue Quartier beziehen. Nun begann für uns die Jagd nach Literatur und Mäusen. Beides war nicht gerade leicht zu bekommen. Am weitesten kamen wir noch mit Büchern über die Falknerei. Darin stand zum Beispiel, dass Greifvögel Maschendraht als Begrenzung nicht anerkennen, ständig dagegen fliegen und sich dadurch ihr Gefieder zerstoßen. Unser Mäusebussard sollte, wie sich herausstellte, da keine Ausnahme sein. Die bisher noch gut erhaltenen Gefiederteile wurden zusehends mehr ramponiert. Ich besorgte mir Bretter und Kanthölzer und baute eine Flugdrahtanlage mit Finn-Hütte, legte Cora ein „Geschüh“ an und stellte sie an unserer neuen Flugdrahtanlage auf. Wie so etwas gemacht wird hatte ich in einem buch gesehen. Es war Sonnabend und ich betrachtete stolz mein Werk. Cora war inzwischen vier Wochen bei uns. Plötzlich bekamen wir Besuch. Zwei Herren vom Naturschutz tauchten bei uns auf. „Gegen Sie liegt eine Anzeige vor, Sie halten einen Greifvogel“. In mir stieg eine Wut hoch. Da gibt man sich Mühe alles richtig zu machen, scheut weder Kosten noch Mühe um einem Tier, welches ohne Hilfe nicht hätte überleben können zu helfen und dann kommt einer und schießt von hinten. Anstatt zu mir zu kommen und mich zu fragen, wieso ich den Vogel bei mir habe, zeigt man mich lieber an. So war es einfacher. Naja, die zwei konnten ja nichts dafür. Sie sahen sich alles an, fragten wie ich zu dem Vogel gekommen bin und was wir ihm zu fressen geben. Dann kamen sie zu dem Schluss, dass wir das Tier behalten durften. War ich froh. Ich beantragte bei der Bezirksjagdbehörde eine Haltegenehmigung, die man mir nach Schilderung des Sachverhaltes auch ausstellte. Andere Leute reagierten anders, als sie erfuhren das wir einen jungen Bussard haben. Gartennachbarn und Kollegen fingen Mäuse und halfen unserem Patienten so besser als der „Anzeiger“. Jeder nach seinen Fähigkeiten.

Cora begann einzelne neue Federn zu schieben. Da diese aber völlig frei standen brachen sie ab, bevor sie ihre volle Länge erreicht hatten. Taubenzüchter rieten uns alle verbliebenen Federkielreste auszureißen, dann würden alle Federn gleichzeitig nachwachsen. Das erschien uns aber zu brutal. Ich besorgte Gänseflügel, schnitt jede einzelne Feder passend zurecht und klebte die Federprotesen mit Hilfe meiner Frau, die den Vogel halten musste, an die Kielstummel an. Wir hatten Erfolg. Cora sah zwar nicht mehr ganz typenrein aus, aber sie konnte sogar wieder einigermaßen fliegen. Es gab natürlich auch immer mal wieder Rückschläge. Ausgerechnet an den Stellen, wo sowieso schon nicht mehr viel Federn übriggeblieben waren, brach immer wieder eine ab. Im Herbst des folgenden Jahres war es dann soweit. Fast alle Federn waren durch neue ersetzt worden. Ich nahm mir vor dem Vogel im kommenden Frühjahr die Freiheit zu schenken. Leider wurde nichts daraus. In der Zeit die Cora bei uns war, hat sie ihre Atzung immer auf dem Handschuh bekommen. Ich versuchte sie falknermäßig abzutragen, was mir auch einigermaßen gelang. Zum Schluss kam sie aus etwa 30 m Entfernung sicher auf den Handschuh geflogen. Ich stellte sie auf einen Koppelpfahl und ging von ihr weg. Auf Zuruf kam sie auf den Handschuh geflogen und erhielt dort ihr Futter. Das ging so gut, das ich an einem Novemberabend leichtsinnig wurde. Ich nahm sie von der Flugdrahtanlage. Da es bereits begann dunkel zu werden, wollte ich ihr nicht erst die Fußriemen lösen. Ich wollte sie nur diesen einen Flug machen lassen und stellte sie auf einem Pfahl ab. Dann ging ich von ihr weg. Etwa auf halber Strecke hörte ich etwas und drehte mich um. Cora war bereits dicht hinter mir. Durch mein Umdrehen hat sie sich erschreckt und drehte ab. Alles Rufen und Pfeifen half nichts. Sie flog davon. Tagelang bin ich in der Gegend umhergestreift, habe Bäume und Leitungsmasten abgesucht, vergebens. Sicher hat sie sich irgendwo verfangen und ist elend umgekommen. Mich hat es einige schlaflose Nächte gekostet, Cora sicher das Leben.

Nachdem ich meinen ersten Mäusebussard durch eigene Schuld verloren hatte, versuchte ich alles Mögliche um wieder einen Greifvogel zu bekommen. Anfang Juni des folgenden Jahres erfuhr ich von einem Bussard, der verunglückt war. Ihm fehlte an der rechten Schwinge ein Stück Knochen und somit alle Schwungfedern. Ein Pflegefall, er würde nie wieder fliegen können. Es wurde ein Termin vereinbart, wir holten das Tier ab, ich verpasste ihm ein Geschüh und stellte es an die Flugdrahtanlage. Meine Frau, die für so etwas zuständig war, gab ihm den Namen „Fritz“. Sie begründete es damit, das schon ihr Großvater so hieß und der sicher nichts dagegen hätte Fritz war ein ruhiger Zeitgenosse. Wahrscheinlich war er schon etwas älter und wollte nichts als seine Atzung und seine Ruhe. Er sollte beides haben, vorübergehend jedenfalls. Am 15. Juni kam einer der beiden Naturschützer, die mich vor zwei Jahren wegen der Anzeige besucht hatten und fragte, ob ich Interesse an einem jungen Mäusebussard hätte. Ein Spaziergänger hatte den Vogel halb verhungert gefunden und mitgenommen. Natürlich war ich interessiert. Der Naturschützer holte den Bussard und ich im Walde einen vertrockneten Fichtenstamm mit Astquirl. Den grub ich in die Erde ein und flocht aus Reisig und Weidenruten einen Kunsthorst. Der Vogel kam und meine Frau sagte dass das „Emma“ sei. Logisch, ihre Großmutter hieß ja so. Damit war die Familie wieder vollständig. Ich legte Emmi Geschühriemen an, fütterte sie und ließ sie noch am selben Tag an der Leine fliegen. Etwa 10 bis 20 m schaffte sie schon. Am zweiten Tag kröpfte Emmi allein auf ihrem Horst Immer wenn ich ihr Atzung brachte pfiff ich etwa so, wie ich es bei den Bussarden gehört hatte. Emmi antwortete mir und ich wieder ihr. Wir haben uns gut unterhalten. Sie wurde jeden Tag gesprächiger. Dann entdeckte sie Fritz. Von nun an galten ihre Bettelrufe ihm und das den ganzen Tag. Mit der Ruhe war es jedenfalls vorbei. Über dem Horst hatte ich eine Glasscheibe angebracht, damit der Vogel nicht ungeschützt dem Regen ausgesetzt ist. Das hat Emma einfach ignoriert. Immer wenn es regnete stellte sie sich so hin, dass sie nass werden musste. Nach etwas mehr als einer Woche Training flog sie schon so gut, dass sie freigelassen werden konnte. Noch einmal erhielt sie einen vollen Kropf Futter. Danach entließ ich sie schweren Herzens in die Freiheit. Am Abend gingen meine Frau und ich auf die Suche. In einer hohen Eiche am Ende unserer Siedlung entdeckten wir sie. Sie war also in der Nähe geblieben. Am nächsten Tag saß Emmi unweit von unserem Haus auf einem Laubendach. Ich nahm mir Fritz auf den Handschuh und ging mit ihm und etwas Futter langsam im Zickzack auf Emmi zu. Sie blieb sitzen und ließ mich an sich herankommen. Vorsichtig hob ich die Hand und legte ihr ein totes Eintagsküken vor die Füße. Sofort begann sie am Rand des Laubendaches zu kröpfen. Sie war so vertieft in ihre Angelegenheit, dass ich sie am Bein berühren konnte, ohne dass sie darauf reagierte. Am Abend saß sie wieder in ihrer Eiche. Von nun an kam Emma mehrmals am Tag in unseren Garten, badete in Fritz seiner Schüssel und war auf Pfiff sofort da, um sich ihr Futter zu holen. Meistens antwortete sie sogar und kam dann im Tiefflug angeschwirrt. Tagsüber erschreckte sie die Nachbarn oder ließ die Knochen vom Geflügelklein, die sie vorher fein säuberlich abgeknabbert hatte von einem Hausdach in den Garten fallen. Aber alle hatten Verständnis und wer Emma sah machte uns Meldung wo sie steckt. Fritz hatte es nun noch schwerer. Emma machte ihm sein Futter streitig und besetzte sogar seine Hütte. Er ließ es geschehen und hat sich nie dagegen gewehrt. Vielleicht war es ihm sogar recht, hatte er doch auf die Art etwas Abwechslung. Bedenken hatte ich, weil zwei meiner Nachbarn Küken hatten. Aber außer einigen Scheinangriffen, ausgerechnet auf unsere Hühner, ist nichts passiert. Immer wenn wir mi unserem Trabbi unterwegs waren hatten wir einen kleinen Eimer mit. Alle Vögel, die dem Straßenverkehr zum Opfer gefallen waren, wurden eingesammelt, Futter für unsere Bussarde. Mit meiner Frau hätte es auch bald Ärger gegeben. Sie hatte weiße Socken gewaschen und zum Bleichen auf die Wiese gelegt. Abends lagen sie auf dem Bretterstapel oder auf dem Mist. Alle wurden verdächtigt, aber wie immer, es war keiner. Unsere Tochter, die gerade Schulferien hatte, erwischte den Täter eines Tages auf frischer Tat. Emmi war´s. Sie holte sich die Socken, schaffte sie auf den Misthaufen und legte sich darauf. Man will sich ja nicht schmutzig machen. So vergingen fast vier Wochen… Emma kam nicht mehr ganz pünktlich um ihr Futter zu holen, trampelte auf Fernsehantennen herum und zog mit zwei anderen Bussarden immer weiter weg. Am 27. Tag ihrer Freiheit kam sie nicht mehr wieder. Ich habe sie mit dem Fernglas noch einige Male gesehen, aber Futter hat sie sich keines mehr bei uns geholt. Ich hoffe das sie sich im Leben gut zurecht findet, sich wie jeder anständige Bussard ernährt und das Hausgeflügel in Ruhe lässt. Hinzufügen möchte ich noch, dass ich bei keinem unserer Bussarde gewusst habe, ob es Männchen oder Weibchen waren. Für uns waren es Cora, Fritz und Emma, das zu wissen hat uns genügt.

Das alles ist nun schon mehr als zwei Jahrzehnte her. Unserem Hobby sind wir bisher treu geblieben. Inzwischen pflegten wir eine große Anzahl von Wildvögeln aller Art. Viele Turmfalken (bei 250 habe ich aufgehört, sie zu zählen), Eulen, Habichte, Sperber, Bussarde und viele Singvögel. Aber auch Eichhörnchen, Igel und Feldhasen gehören inzwischen zu unseren häufigeren Gästen. Nicht allen, aber den meisten konnte geholfen werden und es ist dann immer ein schöner Moment, wenn ein Vogel, der eigentlich schon verloren war, wieder in die Freiheit entlassen werden kann. Ohne die aktive Hilfe meiner Frau wäre vieles nicht gegangen, denn gerade die Jungtiere müssen ja von morgens bis zum Abend rundum versorgt werden.   

Pfegekind Raufußkauz - Foto: Heinz Förster
Pflegekind Eichhörnchen - Foto: Heinz Förster
Eichhörnchen entwickelt sich prächtig. - Foto: Heinz Förster
Eichhörnchen hat einen gesunden Appetit. - Foto: Heinz Förster
Dankbare Patienten - Foto: Heinz Förster


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